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Warum Simson-Mopeds so beliebt sind – Mobilität auf dem Land

Gerade im Sommer und im Umfeld der vielen Oldtimertreffen in unserer Region fallen sie immer wieder auf: Jugendliche auf Simson-Mopeds, die mit der Führerschein-Klasse AM ab 15 Jahren unterwegs sind.

Was gerne als Kult verkauft wird (ja, auch ich habe eine S51 und liebe sie) hat allerdings einen ernsten Hintergrund: Für die Simson gilt eine Ausnahme aus dem Einigungsvertrag – Simson bis Baujahr 1991 dürfen mit der Klasse AM gefahren werden, erlaubt sind sonst eigentlich nur Fahrzeuge bis 50 ccm und 45 km/h. Simson fahren aber bis zu 60 km/h und vielfach sogar schneller. Ich möchte behaupten, daß die Anzahl von Jugendlichen mit AM-konformen 45 km/h-Mopeds verschwindend gering ist. AM ist also sowas wie der „Simson-Führerschein“.

Nun fahren die Jugendlichen ja nicht nur zum Spaß. In unserer ländlich geprägten Region ist das Moped auch erforderlich, um zur Ausbildungsstätte zu kommen, in die nächste Stadt oder einfach weil der Rufbus nicht kompatibel ist mit dem Freizeitverhalten junger Menschen.

Es gibt also einen Bedarf, den man mit 15 Jahren aktuell nur mit hohen Kosten für den Führerschein (die Klasse AM bekommt man mit dem Pkw-Führerschein sowieso) und einer Ausnahme aus dem Einigungsvertrag gedeckt bekommt. In der Folge werden Simson-Mopeds für viele unbezahlbar, denn das Privileg gilt nur für die Exemplare, die es schon gibt. Auf unserem Oldtimertreffen wurde kürzlich der Rahmen (ja, nur der Rahmen) einer S51 für 1.000 € angeboten – wegen der privilegierten Fahrgestellnummer.

Müssen wir dann nicht mal über Alternativen nachdenken? Eine Neuregelung bei den Führerscheinen?

Klasse AM ab 15 ist bei uns eigentlich schon eine Ausnahme. Zwar ist das Mindestalter seit 2021 in allen Bundesländer einheitlich mit 15 Jahren geregelt, im Ausland darf man die Klasse aber erst ab 16 nutzen.

Mit 16 Jahren darf man dann den Führerschein der Klasse A1 machen. Als ich die 1993 die Klasse 1b (die heutige A1) gemacht habe, da galt sie noch bis 80 ccm und 80 km/h. Heute gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung mehr und 125 ccm sind erlaubt. Das reicht je nach Modell und Fahrer bis zu 120 km/h. Die Klasse A1 wäre eigentlich die korrekte Klasse für Simson-Mopeds und die Ausnahmegenehmigung würde dafür nicht mehr gebraucht. In dieser Klasse gibt es zudem auch Alternativen zur Simson, die genauso schnell sind und meist sogar günstiger und einfacher in Betrieb und Unterhaltung.

Jetzt wird es kompliziert: Mit der Klasse A1 kann man später aufsteigen in die Klassen A2 (Motorräder bis 48 PS) und A (Motorräder ohne Leistungsbegrenzung). Sie ist also sowas wie der Einstieg in das Motorradfahren. Wenn man kleine Motorräder fahren möchte, dann kann man aber auch einfach bis 18 warten, den Pkw-Führerschein Klasse B machen und mit einer kleinen Zusatzschulung bei der Fahrschule die Erweiterung B196 eintragen lassen. Dann darf man Simson fahren und auch kleine Motorräder, allerdings ohne Aufstiegschancen in die großen Motorrad-Klassen.

Alle reden über die Kosten des Führerscheins, dabei wird aber vergessen, daß viele Jugendliche 2-3 Führerscheine machen, bis sie 18 Jahre alt sind.

In der Praxis ist es auf dem Land nämlich oft so:

  • AM-Führerschein mit 15, um Simson fahren zu können, dazuzugehören und mobil zu sein
  • und/oder A1-Führerschein mit 16 aus den gleichen Gründen, nur mit Option auf Simson-Alternativen bis zu 125 ccm und auf höhere Klassen
  • Klasse 3-Führerschein mit 18 Jahren, der AM sowieso einschließt und 125ccm mit wenig Aufwand möglich macht

Die ersten zwei Führerscheine werden nur für 2-3 Jahre gebraucht (das begleitete Fahren ab 17 ignoriere ich jetzt mal…).

Und was noch wichtig ist: Wem es nur um die Mobilität geht, der fährt mit dem AM-Schein keine Simson, sondern ein „leichtes Vierradkraftfahrzeug“ mit maximal 425 kg und 45 km/h. Das ist wetterunabhängig, aber ein echtes Verkehrshindernis und bei 425 kg bleibt auch einfach kein Platz für Sicherheitssysteme.

Die Positionen der Parteien zu verschiedenen Ideen hinsichtlich der Führerscheine sind sehr unterschiedlich, teils auch mit guten Argumenten: Autofahren mit 16 ist zu gefährlich, alleine Fahren hat keinen Lerneffekt, somit reden wir nur noch über begleitetes Fahren ab 17 (bringt gar nichts für die Mobilität) und die Kosten des Führerscheins (wäre ja schön, wenn es nur noch einen braucht). Zudem gibt die EU uns einen Rahmen vor, die Gesetze kommen vom Bund und die Länder müssen sie nur umsetzen. Konkrete politische Forderungen zu formulieren ist also schwierig – es gibt aber Änderungsbedarf, für den ich mich einsetzen werde:

  • Alternativen zu Simson ermöglichen – z.B. indem die Klasse AM auf 80 ccm und mindestens 60 km/h erweitert wird. Mofas sind wirklich kaum noch zeitgemäß und 45 km/h auch für die Fahrschulen super nervig. Wenn andere Hersteller AM-taugliche Modelle in der Simson-Leistungsklasse anbieten können, entspannt sich der Markt. Eine Yamaha DT80 (mein Fahrschulmotorrad) aus den 80ern ist heute deutlich günstiger als eine Simson.
  • Echte Mobilität ab 16 ermöglichen – Mobilität wird es erst, wenn es bei jedem Wetter funktioniert – z.B. indem das Mindestalter für Klasse B auf 16 reduziert wird, vielleicht mit reduzierter Geschwindigkeit (bei Elektroautos per Software einstellbar), oder das „schwedische Modell“, wo gedrosselte Pkw mit 2 Sitzplätzen mit dem AM-Schein gefahren werden können.
  • Mopedautos reduzieren – diese Fahrzeuge sind eine schlechte Lösung für ein Problem, das es gar nicht geben sollte. Sie sind unsicher und mit 45 km/h ein Verkehrshindernis. Vielleicht gibt es Anwendungsbereiche, wo sie sinnvoll sind – wir wollen aber nicht, daß es zum Standard für Mobilität unter 18 wird.
  • Führerscheinrecht vereinfachen – eine vernünftig dimensionierte Klasse AM würde die Erweiterung B196 obsolet machen und die Klasse A1 wieder aufwerten, Ausnahmen aus dem Einigungsvertrag sollten 2026 keine Rolle mehr spielen. Die höhere Verkehrssicherheit moderner Fahrzeuge muss einbezogen werden und neue technische Lösungen (z.B. Software-Drosselung bei E-Fahrzeugen) müssen genutzt werden.

Was ich mir für meine Kinder wünsche: Dass sie mit 16 bei jedem Wetter mobil sind und dafür nur einmal einen Führerschein machen. Und dass eine 40 Jahre alte Simson für sie ein Freizeitspaß ist und kein Daily Driver.

Vielleicht schaffen wir es so, daß es ab der 10 Klasse im Klassenraum nicht mehr jeden morgen nach Benzin stinkt, weil irgendjemand im Raum am Morgen noch schnell den Vergaser durchpusten musste.

Thomas Herrholz
03.08.26

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